Je komplexer die Gesellschaft, desto größer der Zusammenbruch

Katastrophale Zusammenbrüche komplexer Systeme und Gesellschaften ziehen sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte.

Die Maya verließen zwischen 800 und 900 n. Chr. die meisten ihrer Städte. Wohnhäuser, Gärten, Äcker und Tempel wurden von Dschungel überwuchert. Im Industal gab es bereits zweitausend Jahre v. Chr. eine blühende Zivilisation, mit Städten deren Einwohnerzahl insgesamt auf über fünf Millionen Menschen geschätzt wird. 1800 v. Chr. begann der Niedergang, 1700 v. Chr. waren die Städte leer und dem Verfall überlassen. Mit Angkor-Wat in Kambodscha passierte das Gleiche.

Besser bekannt dürfte vielen Europäerinnen und Europäern die Geschichte des römischen Reiches sein. Auch hier folgte auf Jahrhunderte der Stabilität und unangefochtenen Expansion ein schneller und in weiten Teilen blutiger Zusammenbruch mit katastrophalen Rückschritten in allen Bereiche des Lebens, vom Bildungsniveau bis hin zur Verfügbarkeit öffentlicher Einrichtungen wie Straßen oder Sanitäranlagen. Das finstere Mittelalter war tatsächlich ein ebensolches.

In vielen Fällen wissen wir nicht genau, welche Ursache zum Zusammenbruch einer Zivilisation oder eines Staatswesens geführt hat. Eines wird aber schnell deutlich: Je größer und komplexer die Einheiten wurden, desto anfälliger waren sie offensichtlich auch für katastrophale Zusammenbrüche. Gerade das Beispiel der Maya zeigt sehr gut, dass kleinere, halbwegs unabhängige Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft die Katastrophe überstanden, während im Kernland leere Geisterstädte vorherrschten.

Wobei die kleineren „Satelliten“ in Wirklichkeit nicht nur eine geringere Anfälligkeit zeigten, sondern sogar in der Lage waren, von dem Zusammenbruch zu profitieren. Aus den ehemaligen Vasallenstaaten wurden eigenständige Einheiten mit lokaler Kultur, Schrift und Kunst. Vieles von dem, was wir Heute als Maya-Monumente bestaunen (etwa die Tempelstadt Chichén Itzá) geht auf diese Stadtstaaten zurück.

Zu der Frage, warum die möglichen Katastrophen mit der Komplexität und Größe eines Systems exponentiell zu wachsen scheinen, gibt es viele Theorien. Eine der interessantesten ist, dass sie kleinere Fehler und Stressfaktoren schlichtweg „schlucken“, ohne darauf mit Korrekturen und Lernprozessen zu reagieren. Weil sie sich nicht mehr Anpassen und die Fehlerkommunikation verloren geht, werden sie sukzessive immer anfälliger für Ausnahmesituationen.

Ein gutes Beispiel, um diesen Ansatz zu erklären, ist unsere weltweite Nahrungsversorgung.

Früher wurde Nahrung fast ausschließlich lokal produziert. Lediglich bestimmte Luxusgüter wurden in begrenztem Ausmaß über längere Strecken transportiert. Etwa italienischer, griechischer und spanischer Wein für die reichen Hansestädte, oder belgisches Bier für Englands Königinnen und Könige.

Als Folge davon hatten lokale Ernteausfälle natürlich direkte Konsequenzen. Wenn Unwetter, Schädlinge oder Krankheiten die Produktion beeinträchtigten, spürte die Bevölkerung das sofort am eigenen Leib. Jeder wusste was vor sich ging, weil alle gleichermaßen den Gürtel enger schnallen mussten. Die Menschen hatten also direkte, eigene Erfahrungen mit Krisen.

Was in logischer Konsequenz natürlich dazu führte, dass in der Regel ausreichende lokale Reserven eingeplant wurden. Die Produktions- und Lagerkapazitäten wurden nach Möglichkeit wesentlich größer ausgelegt, als dies unter idealen Bedingungen notwendig gewesen wäre.

Man rechnete immer mit einem großzügigen Sicherheitsspielraum, basierend auf den eigenen Erfahrungen mit Katastrophen aller Art. Gemeinschaftliche Reserven, etwa in den Lagerkellern von Burgen und Festungen, konnten teilweise ganze Stadtbevölkerungen über Jahre hinaus am Leben erhalten.

Derartige Sicherheitspuffer sind ganz streng betrachtet natürlich nicht „wirtschaftlich“. Immerhin entstehen Lagerkosten und es besteht die Gefahr, dass Teile des Vorrats verderben. Wein wird zu Essig, Getreide wird von Würmern befallen,…

Genau hier liegt „der Hund begraben“: Sicherheit geht häufig zu Lasten von Wirtschaftlichkeit und/oder Bequemlichkeit. Ein Knackpunkt der auch in Sachen IT-Sicherheit immer wieder eine große Rolle spielt, was uns dann den nächsten Skandal um geleakte Nutzerdaten oder Nacktfotos von Prominenten spendiert.

In Zeiten des zuverlässigen und billigen weltweiten Transports haben wir uns daher sukzessive von Lagern und vor allem lokaler Produktion verabschiedet. Dafür gibt es ja auch tatsächlich logisch nachvollziehbare Gründe. Weizen wächst in Nordeuropa nicht sehr gut, warum also nicht Getreide und/oder Mehl aus den USA importieren, wo die Herstellung billiger und effizienter von statten geht?

Das weltweite Handelsnetz hat aber eben tatsächlich auch dazu geführt, dass regionale Ausfälle praktisch bedeutungslos geworden sind. Es steht genügend Nahrung zur Verfügung und sie kann jederzeit in der notwendigen Menge jeden Flecken der Erde erreichen. Wo das heute noch nicht funktioniert (und deswegen Menschen verhungern), mangelt es nicht an Ressourcen, sondern am Willen der Verantwortlichen, bzw. an der Möglichkeit, aus den entsprechenden Märkten Profite zu ziehen.

Fällt beispielsweise die Maisernte in Europa durch einen viel zu trockenen Sommer extrem schlecht aus, brauchen wir deswegen nicht auf die Frühstücksflocken zu verzichten. Der Mangel wird schlichtweg durch höhere Importe aus anderen Länder ausgeglichen.

Die Nahrungsversorgung des Menschen hat sich also zu einem weltumspannenden, extrem komplexen System entwickelt. Heilsame kleinere Schocks fehlen. Sollten die Transportwege jemals unterbrochen werden, egal aus welchen Gründen, beginnt das große Sterben. Europa könnte derzeit nicht einmal einen Bruchteil seiner Bevölkerung selber mit Nahrung versorgen.

Fatal ist, dass sehr seltene Ereignisse wie Epidemien, Erdbeben, Tsunamis, Asteroiden, Sonnenstürme, etc. nicht prognostizierbar sind. Das einzig sichere ist, dass der Mensch immer wieder mit völlig unerwarteten Katastrophen konfrontiert wird und wurde. Der von globalen Transporten abhängende Nahrungsmarkt ist gegenüber solchen „Schwarzen Schwänen“ (wie der Zufallsforscher Nassim Taleb sie nennt) äußerst fragil.

Die einzige Möglichkeit, aus dem Teufelskreis von Bequemlichkeit und Anfälligkeit auszubrechen, ist die bewusste Abspaltung, verbunden mit Relokalisierung und der Schaffung neuer Sicherheitsspielräume.

Was für die Lieferung und Verteilung von Lebensmitteln gilt, passt (sogar in noch stärkerem Ausmaß) auch auf die Energieversorgung, zumindest in den Industrienationen.

Weil die größtenteils privatisierten Energieversorger fast ausschließlich rein wirtschaftlichen Interessen folgen und korrektive Mechanismen/Erfahrungen fehlen, wird das Netz von Jahr zu Jahr anfälliger. Initiativen wie das sogenannte „Smart-Grid“ erhöhen die Komplexität noch einmal um ein vielfaches und verschlimmern die Situation damit in Wirklichkeit.

Vor einigen Jahren reichte die Abschaltung einer einzigen Stromtrasse in Norddeutschland (wegen der Ausschiffung eines Kreuzfahrtschiffes aus seiner Werft), um europaweite Stromausfälle auszulösen. Was würde wohl passieren, wenn durch eine Sonneneruption, wie das Carrington-Event von 1859, ein Großteil der Netztransformatoren weltweit zerstört würde? Oder wenn ein Ereignis, welches wir mangels Erfahrung noch gar nicht vorhersehen können, mehr als nur ein paar Stromleitungen zerstört?

Welche Folgen hätte es auf unsere heutige Gesellschaft, wenn plötzlich der Strom weg wäre und für die nächsten paar Jahre nicht mehr wieder käme?

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